Wo man früher in der Alten Kolonie einkaufte

15.01.2022

Die Zechensiedlung „Alte Kolonie“ entstand 1917 mit Beginn der Kohlenförderung in Neukirchen. Sie wurde nach dem Vorbild englischer Gartenstädte mit alleenartigen Straßenverläufen angelegt, die alle auf eine zentrale Platzanlage, den Weddigenplatz, hinführen. Mit ihrem geschlossenen Erscheinungsbild bildete sie die Grundlage für das dauerhafte Zusammengehörigkeitsgefühl der Bergarbeiter und ihrer Familien.

Die Koloniebewohner versorgten sich selbst aus ihren Gärten hinter den Häusern, soweit dies möglich war. Zusätzlich konnten sie in der Zeit um 1950 bei Julius Reckmann auf der Weddigenstraße einkaufen. Hier gab es Lebensmittel, aber auch eine kleine Auswahl von Textilien. Damals erreichte man den Laden über Stufen in der Mitte der Hausfront. Das Haus steht heute noch an derselben Stelle. Es hat noch die gleichen vorgebauten Fenster wie damals. Aber im Unterschied zur früheren Zeit hat es jetzt zwei seitliche Eingänge (Weddigenstraße 2a und 2b).

Ernst-Moritz-Arndt Straße in Richtung Weddigenplatz, Copyright Museumsarchiv NV

Nach Schließung des Ladens konnte man bei Schmalenbach auf der Ahornstraße (heute Ahornweg) einkaufen.
Hier fing 1954 Helga Przybilla ihre Lehre an. „Der Chef kam gut an in der Siedlung, wo man „Koloniedeutsch“ sprach, war auch für einen Witz zu haben. Er stammte nämlich selbst aus einer Bergarbeiterfamilie“, erinnert sich Frau P. Im Laden gab es frische Milch, die aus einer Molkerei in Schaephuyen stammte. „Die Milchkannen mit Fettrand wurden mit einer scharfen Chemikalie, geschrubbt, den Geruch habe ich heute noch in der Nase“, so Frau P. Ebenso Mehl, Zucker, Essig, Senf und andere Waren wurden lose verkauft. Man konnte aber auch Lebensmittel fertig erhalten, z.B. verschiedene Sorten Marmelade Der Laden war von 8 bis 13 Uhr geöffnet, samstags zunächst bis 18 Uhr, später bis 16 Uhr.
Nach dem ersten und zweiten Lehrjahr von Helga P. ging Herr Schmalenbach jedes Mal zur Ernst-Moritz-Arndt-Schule, um nachzufragen, wer in seinem Geschäft eine Lehre machen wollte. Schließlich stellte er keine Verkäuferin mehr ein, Lehrmädchen waren ja billiger.

(Laden von Julius Reckmann auf der Weddigenstraße, heute 2a und 2b, Copyright Museumsarchiv NV)

„Bergleute“, so berichtet Frau Przybilla, „bekamen in den 1950er Jahren einen Lohnabschlag 14 Tage nach Monatsbeginn, den Restlohn am Monatsende. Man ließ anschreiben und bezahlte am Monatsende, manche Kunden ließen sofort danach wieder anschreiben oder schickten ihre Kinder zum Einkaufen. Herr Schmalenbach prüfte, ob alles bezahlt war. In einem Fall war ein Vater erstaunt über die Höhe der Rechnung. Es stellte sich heraus, dass seine Kinder von allem das Teuerste gekauft hatten. Von da an schrieb der Vater auf, dass die Kinder jeweils nur die billigste Ware nehmen durften. Eines Tages wurde sie von Herrn Schmalenbach zu einer Familie geschickt, die trotz Mahnung ihre Rechnung nicht bezahlt hatten. Der Kunde polterte: „Das sind nicht unsere Schulden, damit haben wir nichts zu tun.“ Es stellte sich heraus, dass er der zweite Ehemann war“.
Helga Przybilla arbeitete nach abgeschlossener Lehre noch weitere drei Jahre bei Schmalenbach auf der Ahornstraße und nach ihrer Heirat und Geburt ihres Kindes gelegentlich als Aushilfe. Die Zeit der „Tante-Emma-Läden“ ging auch in der Alten Kolonie allmählich zu Ende.

Krista Horbrügger

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